DetoNation

Es wird eine epochale Bombe gewesen sein, eine Anti-Bombe, deren Eigenwilligkeit darin bestanden haben wird, nicht zu explodieren, nicht in die Luft zu gehen, nichts in Trümmer zu legen und alle am Leben zu lassen, die Angst vor dem Leben nicht zu beenden. Es wird eine epochale Bombe gewesen sein, deren Explosion darin bestand, das Explosive zu entschärfen, indem sie ein Warten auf die Detonation zündete. Hochexplosiv wird der Alltag gewesen sein, in den man diese Bombe geworfen haben wird, um ihn gerade nicht explodieren zu lassen, um sie an den Ort der täglichen Explosion zu legen, mitten in den Alltag hinein, um mit ihr die Entschärfung hochgehen zu lassen und die explosive Stimmung am Leben zu halten, niemand in den Tod entkommen zu lassen. Das Warten auf die Explosion wird den Mechanismus der Bombe gestartet haben, das Warten darauf, dass etwas Hochexplosives passieren wird, um durch den bloßen Blick auf die Bombe die täglichen Explosionen nicht mehr zu hören, nicht mehr zu sehen, dass schon alle Zukunftsbilder in die Luft geflogen sein werden. Zerborsten und zerstäubt wird sich der Alltag wie Staub übers Alltägliche gelegt haben, um nicht mehr aufgesammelt zu werden, um das Warten auf die Detonation als Aufschub zu erleben, als Zeit, die man irgendwie verbracht haben wird, um den Eindruck loszuwerden, dass gerade alles in die Luft gegangen sein wird ohne dabei das Leben verloren zu haben, ohne die Angst vor dem Unhaltbaren verloren zu haben, die Angst davor, dass diese explosive Stimmung kein Ende gefunden haben wird. Die epochale Bombe, die das Explosive bombig entschärft haben wird, wird gezündet worden sein, indem das Warten und der Aufschub selbst als Detonation erlebt worden sein werden. Wieder detoniert eine Minute, da drüben detoniert ein ganzer Tag, den man wieder überlebt haben wird wie die nächste Woche, die letzten Jahre, den Beruf, die Familie, das Leben, das allen Eindrücken zum Trotz noch immer am Leben gewesen sein wird, inmitten des Explosiven, das nur durch das Warten auf die Detonation entschärft worden sein wird. Das bloße Bild von der Bombe wird nur das Abbild des hochexplosiven Alltags gewesen sein, Bild genug, um auf den Abstand zu verweisen, der das Bild von dem Gegenstand trennt, den es abbildet, Abstand genug, um das Bild als Garant für den Aufschub zu erkennen, um im Angesicht der Bombe das Warten detonieren zu lassen. Der Kampf mit der Angst wird alle zu Kriegern des Wartens erklärt haben, zu Kampfgefährten des Aufschubs, die Bilder von den Explosionen des Alltags aufgenommen haben werden, um sich ihren Abstand zum Geschehen zu vergegenwärtigen, um sich den Aufschub selbst vor Augen zu führen, um bombige Bilder davon anzufertigen, was man alles ausgehalten haben wird, was man alles mit allen geteilt haben wird, zerstäubt haben wird im Äther des weltweiten Netzes, das sich wie ein Staub übers Alltägliche gelegt haben wird, über den Staub der Beziehungen, die zerstäubten Versprechungen, um die epochalen Bomben überall auszulegen, die Kriegsbilder vom Warten, von der Detonation des Aufschubs.

Verweht wie ein Name

Unverhohlen enthüllt sich das Verwehte, fordert sein Gastrecht im Duft der Tage, die nicht vergehen, schon vergessen haben ihren Morgen, die Jahre. Nur eine Brise trägt die Namen übers Meer, hält sie vor die Sonne, zum Schutz vor den Blicken in den Augen der Erinnerung, die blind sind fürs Blendende, sich anmaßen, den passenden Rahmen zu finden für die Nächte davor und Wenden danach, sich einbilden, das Bild zu besiegeln mit einem Anstrich von Zeit. Das Verwehte altert nicht, nicht mal in den Gräbern kommt Asche zur Ruh’, in den Briefen befeuerter Stunden, die sich zwischen den Urnen finden, angefacht von der Brise brennen sie unantastbar ihre Male ins Wort.

8. November

Heute wird der 8. November gewesen sein. Nicht der 9., noch nicht. Der 8., erst der 8.,vor dem 9., vor dem Datum, an dem sich die Progrome jähren. Morgen wird der 9. die Schlagzeilen beschlagen. Heute wird es schon der 8. gewesen sein, noch nicht der 9., fast der 9., schon der 8., an dem von Schießbefehlen gesprochen worden sein wird, bei einer so genannten Pressestunde, bei einer Stunde, die sich an die Öffentlichkeit wendet, bei der eine Vorstellung von Politik frei besprochen werden kann, von der Erlaubnis, dem Schießen auf Flüchtlinge statt zu geben, dem Gedanken an das Schießen auf Flüchtlinge freien Lauf zu lassen, am 8., noch nicht am 9., schon vorher, am Tag davor, vor dem Datum der Progrome, den Gedanken ans Abschießen frei auszusprechen, den Gedanken, sich vorstellen zu können, das Abschießen zu befehlen, am 8., der ja noch nicht der 9. ist, einen Schießbefehl auszusprechen, nur dem Gedanken freien Lauf zu lassen, schon am 8., vor dem Datum, das sich jährt, das in Erinnerung ruft, was sich jährt, hinausschreit, was sich wiederholen kann, was sich schon abzeichnet, repetiert im Schießbefehl, repetiert im Wort, wiederkehrt im Bild der Repetierwaffe, schon am Tag davor die Wiederkehr, am 8. November schon den 9. wiederholen, schon Vorgreifen dem Übergriff, dem freien Gedanken schon Ausdruck verleihen, am 8., dem 9. ganz nah.

Es raunt

Es raunt. Rau raunt es, dem Vernehmen nach unhörbar, gleich einem Gerücht, einem Wissen, das man sich nicht angeeignet hat, nicht wissen wollte, ein fremdes Wissen, das einem zugeeignet wird, zugesprochen als fremdes Wissen, das offenbart wird, offenbar niemand gehört, für das sich niemand verantwortlich weiß, niemand verantworten muss, ein verantwortungsloses Wissen, das sich an niemand wendet, nicht direkt, nicht unmittelbar, nur vermittelt, übers Hörensagen mitteilt, teil haben lässt, imaginär, an einer Gemeinschaft, die man nicht kennt, die keine Grenzen kennt, zerstäubt zum Allgemeinen, sich für allgemein hält, um von niemandem mehr gehalten zu werden, aufgehalten, zurückgehalten das Gerede zu streuen, den Verdacht, der durch die Räume raunt, sich verdichtet, zum Wissen kürt, zum Ballast, den es loszuwerden gilt, breit zu treten, zu lüften das offene Geheimnis, das keinen Autor kennt, keinen Autor braucht, automatisch wächst, anschwillt zum Furor fremden Wissens, um Furore zu machen im Licht gestreuter Farben, im Glanz des Spektakulären das ganze Spektrum im Sinn, im Gefolge des Wachstums, ganz expansiv, das Raunen zu mehren, beizutragen, mitzuhelfen, dem Noch-Nicht Abhilfe zu schaffen, abzustellen die Ausreden, man wusste es nicht. Rau raunt es, verdichtet sich zum Wissen, dass das Gerücht nur verhüllt, maskiert den Wandel, der schon seine Wege geht, sich Gehör schafft, appelliert ans Gehorchen, an die Zukunft des Züchtigens, ohne Zaudern die Zögerlichen zur Rechenschaft zieht, zur Verantwortung zieht, an den Haaren zieht, sie zeiht der Verhinderung, der Weigerung das verteilte Wissen zu teilen, anzugehören dem Gehorsam, dem Gefolge, das sich im Gerede gebiert, sich nicht ziert vor dem Anspruch aufs Ganze, das der Grenzen bedarf, um der Vorstellung Genüge zu tun, dem Bild, sich abzuschließen, einzuschließen im Dienst der Allgemeinheit, die Festung zu bauen, die Zäune, die drahtige Stacheln der Folklore aufzubauen, einzubauen in ein Bild der Geschichte, die man dem Vernehmen nach kennt, so vom Hörensagen, vom Zuhören, vom Zueignen, schon fast poetisch: angedichtet. Es verdichtet sich die Angst, dass das Andichten anhebt, sich als politische Dichtung darzustellen, zu ästhetisieren den Zaun, die Gräben, die zu Gräbern werden.

Paravent der Jahre

Im Licht des Erinnerns erscheint die zarte Brust der Gegenwart, sensibel genug das Geschehen mit Zeit zu verhüllen, den Eindruck zu verbergen, den sie nur sprachlich hinterlässt, im Bild des Vergangenen, der Form nach Gewesenen jenseits der Brust, als könnte man die Herzschläge zählen, sie aneinander reihen zur Erzählung, to tell the votes die Stimmen alter Tage, die nur altern, sich wandeln für die Bleibe hinterm Paravent der Jahre, die unverhohlen das Entblößen bergen, das zarte Band, das den Blick an die Vorstellung bindet, sichtbar das Gesagte verhüllt, verschleiert im Versprechen einer Wiederkehr, die doch nur maskiert was nie vergangen war, nie verschwunden ist nach all den Jahren, der Kunst des Vergessens, des Schweigens in der Rhetorik vermeintlicher Ziele, die nach vorne blicken, um doch nur geblendet zu werden vom Erinnern, das dem Kommenden schon innewohnt, sich nicht verdrängen, geschweige denn vergessen lässt, um dem Neuen Platz zu machen, aus dem Weg zu gehen den kommenden Wegen, die sich auf die Brust klopfen, sich brüskieren ob der frivolen Erinnerung, die ungestüm die zarte Brust berührt, sich entblößt vor der Gegenwart, diese zu verführen, zu verschlingen in ihrem Bild, das die Ziele verwirrt.

Auswählen, um das Wollen zu verlernen

Im Horizont der Wählbarkeiten ist die Wahl schon längst entschieden – schon definiert das Spektrum, aus dem gewählt werden soll. Mit gestutzten Flügeln erscheint das Wollen, das gelernt hat nicht mehr zu wissen, was es will. Vor die Wahl gestellt, stellt sich keine Frage mehr, die der Wahl vorausgehen wollte. Es bleibt nur die Entscheidung zwischen diesem oder jenem, nur mehr die Wahl, die über das Wählbare schon vorentschieden wurde. Was außerhalb der Wahl liegt, wird aus dem Bild gedrängt, um das Wollen selbst zu rahmen und umgrenzen, zu behübschen im Licht möglicher Entscheidungen. Frei zu entscheiden zwischen Wählbarem heißt, die Vorstellung von Freiheit nur mehr im Spektrum des Wählbaren zu lokalisieren. Was dann als Entscheidungsfreiheit hofiert wird, ist das vorenthaltene Wollen, das sich vielleicht unabhängig von der vorentschiedenen Auswahl etwas anderes vorstellt als das zur Wahl gestellte. Das Auswählen wird als Paradigma der Handlungsfreiheit ausgegeben: Man hat die Wahl, ist frei zu wählen – aus der Auswahl, die man nicht gewählt hat. Diese Chimäre gerahmter Freiheit skizziert die Grimassen zeitgenössischer Politik genauso wie das Antlitz vor den Regalen alltäglicher Wählbarkeit. »Was wollen Sie mehr, Sie können aus der ganzen Auswahl auswählen, sind frei zu entscheiden, aus dem Vorentschiedenen ihre Wahl zu treffen. Wie, Sie wissen es nicht, wissen nicht was Sie wollen, wissen nicht, wie Sie mit Ihrer Entscheidungsfreiheit umgehen sollen«?! Der Horizont des Wählbaren wächst täglich, wächst proportional mit der Entscheidungsfreiheit, die der Einfachheit halber gleich mit Freiheit gleichgesetzt wird. Frei erscheint, wer die Wahl hat auszuwählen, wer sich für das Auswählen entschieden hat. Historisch erscheint die Geschichte des Wollens, das sich unter dem Wollen mehr vorgestellt hat als die Auswahl, mehr als den Wunsch nach vielfältiger Wählbarkeit. Historisch erscheint auch das Band, das die Freiheit an den Willen band, an die Freiheit des Wollens noch vor jeder Entscheidungsfreiheit. Die Entscheidungsfreiheit im Horizont der Auswahl legt das Wollen in Ketten, definiert dessen Bewegungsfreiheit und Auslauf im Hof der Wählbarkeiten. Proportional zur Vergrößerung des Radius, aus dem man wählen kann, verstärkt sich der Rand der Entscheidungsfreiheit zur Grenze für die Vorstellung von Freiheit. »Wie, Sie wissen nicht, was Sie wollen, wollen nichts aus dem Kreis des Auswählbaren«? Willkommen scheint die Entscheidungsfreude, die sich der Auswahl fügt, sich einfügt in das Wählen ohne Wollen. Unentschiedenheit steht negativ da, als peinliche Erinnerung an die Freiheit vor der Wahl. Magnetisch zieht die Auswahl alle Legitimität an sich, zeiht die Unentschiedenheit des Zögerlichen, des Zweifels an der Vorentschiedenheit. »Sie wissen nicht was Sie wollen?! Warum wollen Sie nichts?! Sie haben zuviel, Ihnen fehlt wohl nichts«?! Unvorstellbar gibt sich die Freiheit des Wollens ohne Wahl, der letzte Schritt vor den wählbaren Alternativen. Überhäuft mit Optionen wähnt sich die Entscheidung frei, die Freiheit frei zu geben, sich des Wollens zu entledigen. Sich der Auswahl zu enthalten, wird gewendet zum Verzicht aufs Wollen, pervertiert zu bloßer Unentschiedenheit. Hinter den Rändern der Alternativen klafft nur mehr der leere Raum, der didaktisch aus den Entscheidungsfindungen rausgehalten wird, annulliert im Verlernen des Wollens. Aus diesem leeren Raum melden sich nur mehr jene zu Wort, die etwas wollen, ohne eine Wahl zu haben, wahllose Gespenster ohne Option. Historisch war das Wollen ohne Wahl, ein Wille, der keine Wahl hat. Einem Wollen zu folgen hieß, keine Wahl zu haben, dem Willen allein verbunden zu sein, einem grundlosen Grund vor den Geboten von Ursachen und Folgen. Wer ein Wollen wahrnimmt, hat keine Wahl. Allein eine Kultur, die das permanente vor die Wahl stellen zur Entscheidungsfreiheit erklärt, immunisiert gegen das bloße Wollen, verdammt es zur Gefahr. Das erfahren auch jene, die unter dem Zeichen der Flucht keine Wahl mehr haben, nur ein Wollen im Licht der Freiheit, die sie antreibt ohne Option. Wer etwas will, hat keine Wahl, erscheint schon als Gespenst im Horizont der Auswählbarkeit, primitiv im Kreis der Auserwählten. Die Angst, die sich etwa im ausgewählten Eurozentrismus zu Wort meldet, um diejenigen zu verdächtigen, die keine Wahl haben, erinnert an die Rückkehr des Verdrängten, das sich im Kreis der Auswählenden plötzlich optionslos zur Wahl stellt. Verwandt und verrückt erscheinen diesen auch die Liebenden, die keine Wahl haben, nur ein Wollen ohne Grund, ohne Option für einen Nächsten. Im Radius des Optionalen und im Bann von Alternativen strömt aus Liebenden nur ein verdächtiger Geruch von Freiheit, der Verdacht, sie hätten sich nicht ausgewählt, sich gar die Freiheit genommen, keine Wahl gehabt zu haben. Darin sind Liebende und Flüchtlinge verwandt, verdächtig schon, weil sie keine Wahl haben und das Wollen vorm Auswählen schützen. Liebende und Flüchtlinge haben nur einen Willen, dem die Wählbarkeit fremd erscheint, ein Wollen, das keine Optionen kennt. Im Licht des permanenten Auswählens wirft der bloße Wille freilich seine Schatten auf die Entscheidungsfreiheit, die der Wahl bedarf, um sich frei zu wähnen. »Sie wissen nicht, wen Sie wählen sollen, für was Sie sich entscheiden sollen?! Noch nie hatten Sie soviele Optionen wie heute, soviele Wahlmöglichkeiten und die wollen Sie nicht, was wollen Sie dann«?! Nur schemenhaft zeichnet sich das Bild einer Kultur ab, die das Wollen verlernt, um die Wahl zu haben. Nur mehr skizzenhaft äußert sich die Freiheit, nicht mehr zu wissen, was man will. Ausgelacht im Antlitz der Unentschiedenheit zieht sich das Band von Wollen und Freiheit zusammen, verknotet sich, um in keine Alternative zu passen. Das Wollen nimmt sich die Freiheit, die Frage nach der Entscheidbarkeit zu beantworten, in dem es das Unentscheidbare wählt, den Raum, der schon längst als entschieden betrachtet werden kann, um dem Willen erst jetzt die Bahn frei zu machen.

Subjekt im Uhrzeigersinn

Mit feiner Nadel sticht die Lektüre ins aufgeblähte Individuum, in den Ballon von Jahrhunderten zieht sie die Linie des Eigensinns, des Ichs im Zentrum der Vernunft. Aufgeblättert in den Seiten bläht es sich zur Explosion des Subjektiven, zieht sich zusammen im verlorenen Eigentum. Was eigen scheint, scheint tausendfach Dekaden zu umrunden, zu zerstäuben das Bild vom monotheistischen Individuum. Konvulsivisch krümmen sich Glück und Schauder, unverdaute Traditionen von Revolutionen im Gedärm von Epochen. Zelebriert wird noch das Ereignis, die letzte Bastion vom Eigentum. Im Zenit des Performativen gilt der Akt als Gesetz, Projekt und Geste als Inkunabel des Vergehens. Es füllen sich Archive, die von Facebook et. al. erfüllte Zeugenschaft, dass nicht mehr ist, was eben noch war, nur noch Augenblick des Verschwindens von Erlebtem im Erlebnis, für das nur das nächste zählt. Nur ein paar Seiten, spärliche Stunden Lektüre genügen, den Zirkel zu zeichnen, der nicht warnt und nicht hilft dem Rotieren zu entkommen, dem Subjekt im Uhrzeigersinn. Was in den Zeilen zerplatzt, ist das Explosive selbst, die Sprengkraft, das Zeugs über die Über-Zeugung hinaus zu katapultieren. Was von der Gravitation bleibt, ist nur Ausdruck der Angst den Rand zu verlieren, den Abstand zum Zentrum, in dem sich die Ränder des Wiederholens umrunden.